Holocaust-Gedenktag: Zeitzeugengespräch und Gedenken an ehemaligen Schüler am Leibniz-Gymnasium

Mit einem eindrucksvollen Zeitzeugengespräch hat das Leibniz-Gymnasium am 26. Januar das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus eröffnet. In der Aula der Schule berichtete der Holocaust-Überlebende Herbert Rubinstein von seiner Kindheit in Czernowitz, seinem Überleben von Verfolgung und Ghetto und seinem späteren Neubeginn in Deutschland und Leben als engagierter Zeitzeuge. Seine Worte hinterließen bei den Schüler*innen einen tiefen Eindruck.

Ein Zeitzeuge berichtet

Herbert Rubinstein wurde 1936 in Czernowitz in der heutigen Ukraine in eine jüdische Familie geboren und erlebte die zunehmende Verfolgung schon in jungen Jahren. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die jüdische Bevölkerung seiner Heimatstadt zunächst enteignet und dann ins Ghetto gezwungen. Auch die prächtige Synagoge der Reformgemeinde wurde im Juli 1941 von den deutschen Besatzern zerstört, der Rabbiner als Teil der intellektuellen Führungsschicht der Gemeinde erschossen. In dieser Zeit entging der zu diesem Zeitpunkt fünfjährige Herbert Rubinstein, ebenso sein Großvater und seine Mutter, nur knapp der Deportation ins Vernichtungslager - dank falscher polnischer Papiere, die seine Mutter besorgen konnte. Als "ungeklärte Fälle" wurden sie nach Czernowitz zurückgebracht. Der Vater, zwangsrekrutiert von den Sowjets für den Kampf gegen die Wehrmacht, überlebte den Krieg nicht.
Nach weiteren Stationen auf der Flucht in Bukarest und Prag wuchs Rubinstein zunächst in Amsterdam auf, siedelte dann ab 1956 nach Düsseldorf über, wo er in der elterlichen Fabrik beruflich erfolgreich war, eine Familie gründete und sich intensiv in das jüdische Gemeindeleben und später in die Erinnerungsarbeit einbrachte. Rubinstein engagierte sich u. a. für jüdisches Schulwesen sowie Kultur- und Bildungsprojekte und erhielt das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland für sein Engagement.

In seinem Bericht am Leibniz-Gymnasium schilderte Rubinstein eindringlich die schrittweise Verrohung der Gesellschaft, in der jüdisches Leben zunehmend entwertet wurde. Er sprach über die ständige Bedrohung, unter der jüdische Familien lebten, und darüber, was es bedeutet, wenn Menschlichkeit verloren geht. Geduldig und ausführlich beantwortete er Fragen der Schüler*innen. Besonders eindringlich war sein Appell: Menschlichkeit und seinem Gegenüber als Mensch zu begegnen seien das höchste Gut. Er forderte die Zuhörerinnen und Zuhörer aus den Jahrgangsstufen EF und Q1 dazu auf, nicht wegzusehen, wenn sie Ausgrenzung beobachten und Frieden, Freiheit und Demokratie schleichend bedroht werden. Seine zentrale Botschaft lautete: „Sei a Mensch“ - im gesellschaftlichen Umgang wie auch im digitalen Raum.

Gedenken an Wolfgang Maas

Bereits während des Besuchs von Herbert Rubinstein gab es am Stolperstein für Wolfgang Maas, einen ehemaligen Mitschüler der Schule, eine bewegende Rede. Der Stolperstein befindet sich direkt am Haupteingang des Leibniz-Gymnasiums und macht die Erinnerung an ihn für die gesamte Schulgemeinschaft seit 2020 sichtbar.

Wolfgang Maas wurde 1920 in Buer geboren und musste das Gymnasium 1934 verlassen, weil er als jüdischer Schüler antisemitischen Angriffen seitens Mitschülern und Lehrkräften ausgesetzt war. Er floh 1936 in die Niederlande, wo er von der dortigen jüdischen Gemeinde unterstützt wurde und eine Ausbildung zum Maler absolvieren konnte. Nach Ausbruch des Krieges lebten Maas und seine Lebensgefährtin Thea Windmüller für mehrere Jahre versteckt, wurden schließlich verhaftet und im Januar 1944 nach Auschwitz deportiert. Thea wurde dort sofort nach ihrer Ankunft ermordet, und auch Wolfgangs Spuren enden in Auschwitz, wo er nach Erkenntnissen aus einem späteren Wiedergutmachungsverfahren am 21. Januar 1945, nur wenige Tage vor der Befreiung des Lagers, ums Leben kam.

Im Beisein von Zeitzeuge Herbert Rubinstein machte Schülersprecherin Raghad Haj Khalaf deutlich, wie unmittelbar Maas' Biographie die Schule betrifft. „Wolfgang Maas war Teil unserer Schulgemeinschaft, bevor ihm sein Leben geraubt wurde“, betonte sie und erinnerte daran, dass Erinnerung Verantwortung für die Gegenwart bedeutet – für Toleranz, Menschlichkeit und Frieden.

Gedenktag am 27. Januar

Am Holocaust-Gedenktag, dem 27. Januar versammelten sich Lehrer*innen und Schüler*innen gemeinsam, um Blumen an Maas' Stolperstein niederzulegen und Kerzen zu entzünden. Auf einem Gedenkgang zum ehemaligen Standort der Synagoge vor dem Hallenbad an der Maelostraße, wo heute ein Mahnmal an das zerstörte jüdische Gotteshaus erinnert, erläuterte Herr Heinrichs, Geschichtslehrer am Leibniz-Gymnasium, Hintergründe zu jüdischem Leben in Buer und Gelsenkirchen vor, während und nach dem Nationalsozialismus und gestaltete mit historischen Fotos und bewegenden Worten eine kurze Gedenkzeremonie.

Kontext: Jüdisches Leben in Buer und Gelsenkirchen

Die jüdische Gemeinde in Gelsenkirchen entstand im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und war ein aktives Zentrum jüdischen Lebens. In Buer bestand seit 1922 eine eigene Synagoge, und um 1933 lebten etwa 150 Gemeindemitglieder dort, organisiert in Vereinen mit eigenen Schulen und Jugendgruppen. Auch nach der Vereinigung Buers mit Gelsenkirchen 1928 blieb das jüdische Gemeindeleben stark. Mit der sogenannten "Machtergreifung" der Nationalsozialisten setzte jedoch schrittweise Verfolgung und Ausgrenzung ein; die Synagogen in Buer und Gelsenkirchen wurden in der Reichspogromnacht 1938 zerstört und jüdische Einwohner deportiert und ermordet.

Ein starkes Zeichen für die Gegenwart

Mit diesen Tagen des Erinnerns hat die Schulgemeinschaft des Leibniz-Gymnasiums ein klares Zeichen gegen Antisemitismus und Rassismus gesetzt. Zugleich machen sie bewusst für die gesellschaftliche und politische Gegenwart, verbunden mit der Mahnung, wachsam zu bleiben und mehr Verantwortung für Erinnerung, Mitmenschen und die Demokratie zu übernehmen.

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